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    • 1.2 Arbeit neu denken. Anforderungen und Modelle

    • Fragen, die in dieser Lektion behandelt werden

      • Wie verändert KI unser Verständnis und den Status quo von Arbeit?
      • Was bedeutet diese Entwicklung für Mensch und KMU im Arbeitsmarkt der Zukunft?

    • Wie verändert KI unser Verständnis und den Status quo von Arbeit?

      Betrachten wir das große Ganze, zwingt uns der Aufstieg von KI dazu, unser vertrautes und über Jahrzehnte aufgebautes Verständnis von Arbeit und Produktivität neu zu definieren und zu überdenken. Das Modell des 20. Jahrhunderts, welches Produzenten bzw. Arbeiter direkt zu Konsumenten mit Kaufkraft machte, wird durch KI-Lösungen, vorrangig Automatisierungslösungen, zunehmend außer Kraft gesetzt. Diese Entwicklung macht es erforderlich, sich damit auseinander zu setzen, wie Arbeit in Zukunft definiert wird, wie und welche menschlichen Arbeitsleistungen zukünftig mehr und mehr von Wert und damit gut vergütet sein werden und welche Auswirkungen diese Entwicklungen allgemein auf ein KMU haben.

      Wird die Automatisierung im größeren Rahmen betrachtet, fällt auf, dass sie bereits seit über 100 Jahren immer wieder Arbeitsplätze gekostet hat. Der Einzug von Künstlicher Intelligenz (KI) an den Arbeitsplatz ist hierbei keine Ausnahme. Die Geschwindigkeit ist jedoch um ein Vielfaches höher als früher und wird sich sogar noch weiter beschleunigen. Momentan leben wir in einer von Konsum getriebenen Ökonomie, die sich durch das Erwecken immer neuer Bedürfnisse der Menschen weiterentwickelt. Wer von uns wollte ein Smartphone oder Elektroauto, bevor uns diese Dinge gezeigt wurden? Wer von uns hat sich Videostreaming statt Videotheken gewünscht, bevor es Netflix gab? 

      Diese Dynamik sorgt dafür, dass stetig neue Berufe und Arbeitsbereiche entstehen, die es zuvor nicht gab. Die Arbeit wird uns also nicht ausgehen, sie wird sich nur verändern. Für den Menschen auf dem Arbeitsmarkt von heute und morgen ist es dabei von existenzieller Bedeutung, dass er lernt, sich fortlaufend und schnell an die Veränderungen der Arbeitsumwelt anzupassen. 

    • KI vs. Mensch oder effiziente Eindimensionalität vs. komplexe Effektivität

    • Was bei dieser Gegenüberstellung sofort ins Auge fällt, sind die großen Unterschiede darin, was die Stärken einer KI-Lösung sind und was einen Menschen und seine Kompetenzen und Fähigkeiten auszeichnen.

      Der vermehrte Einsatz von KI-Lösungen in der Arbeitswelt führt am Arbeitsplatz eines KMU in erster Linie dazu, dass standardisierbare, sich wiederholende Tätigkeiten und Prozesse mehr und mehr von diesen KI-Lösungen übernommen und automatisiert werden. Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass keine generelle Automatisierung von Tätigkeiten und Prozessen durch eine KI-Lösung stattfindet, sondern eine einzelne KI-Lösung lediglich einen einzigen Prozess automatisiert. Sprechen wir von Automatisierung, befinden wir uns auf der Ebene des Machine Learnings. Ein Machine Learning-Prozess und die hierfür spezifisch benötigten Daten automatisieren eine einzelne Tätigkeit bzw. einen einzelnen Prozess. Es verbietet sich daher in Zusammenhang mit Machine Learning und Automatisierung von „Intelligenz“ zu sprechen.

      Der Einfachheit halber benutzen wir für den Rest dieses Lernmoduls die Begriffe KI-Lösung und Automatisierung.

      Beispiel

      WaschmaschineEin Alltagsbeispiel für die Automatisierung eines Prozesses ist eine Waschmaschine. Mit der Einführung der Waschmaschine in den Massenmarkt wurde in den 1960er Jahren das Waschen von Kleidung automatisiert. Eine Waschmaschine kann dabei lediglich Kleidung waschen. Schuhe zählen dazu. Kein Geschirr, kein Spielzeug oder ähnliches. Jedenfalls nicht, wenn die Sachen intakt bleiben sollen. Sie übernimmt oder automatisiert damit exakt eine Tätigkeit.

      Diese Art der Automatisierung fand damals auf der Grundlage einer zuvor von Menschen händisch ausgeführten Tätigkeit statt. Von diesen Einzelautomatisierungen finden wir noch viele mehr in unserem Alltag. Der Geschirrspüler, die Kaffeemaschine, der Trockner usw. 

      Die heutigen und zukünftigen Automatisierungen von einzelnen Tätigkeiten und Prozessen durch KI-Lösungen finden im Gegensatz dazu auf der Grundlage von qualitativ hochwertigen, systematisch zugänglichen Daten statt. Je geordneter und systematischer diese Daten aufbereitet sind, je besser diese verfügbar sind und je größer die brauchbare Datenmenge in Gänze ist, desto besser sind die Voraussetzungen für die Weiterentwicklung und das Trainieren von KI-gesteuerten Geschäftsprozessen. Egal, ob in einem KMU oder in einem großen Konzern.

      Dabei ist es wichtig zu beachten, dass die Tätigkeiten und Prozesse, die aktuell für eine Automatisierung in Frage kommen, standardisierbar und repetitiv sein müssen. Sie laufen stets nach demselben Muster und Regelwerk ab und haben dabei keine direkten Interdependenzen mit anderen Prozessen.

      Die große Stärke einer KI-Lösung auf dieser sogenannten Prozessebene ist ihre Effizienz. Einmal implementiert, erzeugt sie, bezogen auf einen spezifischen Geschäftsprozess, den sie automatisiert und für den sie trainiert wurde, einen potenziell riesigen Multiplikatoreffekt. Das die KI einsetzende Unternehmen ist somit in der Lage, bezogen auf den einzelnen automatisierten Geschäftsprozess, massiv Zeit und Arbeitskraft einzusparen.

      Beispiel Multiplikatoreffekt

      Sie benötigen 100 Werksstudenten zur Erledigung einer standardisierbaren und repetitiven Tätigkeit X. Mit dieser Tätigkeit sind die Werksstudenten Monat für Monat voll ausgelastet. Eine auf diese einzelne Tätigkeit trainierte KI-Lösung und der mit ihr verbundene Automatisierungsprozess benötigt nur einen Bruchteil der Zeit. Einmal implementiert, hätte Ihr Unternehmen mit einer solchen KI-Lösung permanent 100 Werksstudenten zur Verfügung, die Tag und Nacht arbeiten.

      Der gleiche Mechanismus greift auf einzelne Prozesse, die, verglichen mit dem Beispiel der 100 Werkstudenten, noch deutlich mehr Ressourcen und auch Zeit beanspruchen.

      Selbstreflexionsaufgabe

      Gibt es aktuell in Ihrem Unternehmen standardisierbare und repetitive Tätigkeiten ohne Interdependenzen, die heute von Praktikanten oder Werksstudenten/Aushilfen ausgeführt werden?

      Im krassen Gegensatz dazu stehen typisch menschliche Stärken und Fähigkeiten. Diese zeichnen sich im Kern durch das Potenzial aus, komplexe Tätigkeiten und viele Interdependenzen auf verschiedenen Ebenen (funktional/emotional/sozial) zeitnah und/oder gleichzeitig bewältigen zu können.

      Beispiel für eine komplexe Tätigkeit

      Ein gutes Beispiel für eine komplexe Tätigkeit mit vielen Interdependenzen ist die Arbeit in Projektteams: Die Arbeit in Projektteams erfordert viele verschiedene komplexe Fähigkeiten. Koordinative Fähigkeiten, komplexe Problemlösungsfähigkeiten, starke kommunikative Fähigkeiten, Empathie, kritisches Denken, einen Schuss Kreativität, kognitive Flexibilität, Zusammenhalt im Team, Kritikfähigkeit, Beurteilungs- und Entscheidungskompetenzen und nicht zu vergessen Führungskompetenzen. Keine dieser genannten Fähigkeiten wird in absehbarer Zeit zu den Stärken einer KI-Lösung zählen.

      Die Arbeit von Mensch zu Mensch kann dabei effektiv, aber nur bedingt effizient stattfinden. Maschinen sind effizient, Menschen in der Regel nicht oder nur für kurze Zeiträume! Die beiden Begriffe effektiv und effizient werden nur allzu oft verwechselt. Der menschliche Ausspruch: „Ich bin keine Maschine!“ kommt nicht von ungefähr.
      Natürlich können Menschen für eine gewisse Phase effizienter sein. Sie sind selbstverständlich in der Lage eine sich stetig wiederholende Tätigkeit Stück für Stück effizient auszuüben. Der Buchhalter, der es schafft, immer mehr Rechnungen an einem Tag in das System zu buchen. Die Fließbandfachkraft, die durch Übung und viele Stunden am Band schneller sortiert, montiert oder Fehler in Produkten besser und schneller erkennt. Diese Art von Arbeit geht aber nicht Hand in Hand mit typischen menschlichen Stärken und Fähigkeiten. Sie ist mühsam und hart erarbeitet.

      Ideal ist es, die Effizienz von KI-Lösungen zu nutzen, damit der Mensch effektiver arbeiten kann. So werden die Stärken beider Parteien zu einem Team vereint!

      Menschen werden von ihren Emotionen beeinflusst und agieren in einem sozialen Kontext, was entweder als Stärke genutzt oder als Schwäche abgetan werden kann. Noch immer gibt es leider viel zu viele Unternehmen und Organisationen, in denen die emotionale und soziale Ebene und ihre Einflussfaktoren ignoriert oder größtenteils ausgeklammert werden. Diese menschlichen Seiten sollen dort am besten um 08:30 Uhr morgens an der Eingangstür abgegeben und dürfen um 17:00 Uhr nach Feierabend wieder abgeholt werden. Während der Arbeitszeit wird „performt“. Alles andere ist nebensächlich.

      Wie beispielsweise ein Team, ein gemeinsames, künstlich gestecktes Ziel zu einem künstlich gesteckten Zeitpunkt erreicht, ist nebensächlich. Am Ende zählt das Ergebnis in seinen nackten Zahlen. Das ist in vielen Unternehmen bisher zu oft die Realität gewesen und wenn auch historisch verständlich, eine kurzsichtige Verfahrensweise. Diese Sicht der Dinge spiegelt nur die Hälfte der für die Performance und Erfolge verantwortlichen Faktoren eines Unternehmens akkurat wider.

      Bezogen auf ein Unternehmen sind die emotionale und soziale Ebene des Menschen Grundsäulen und nicht Hindernisse für Performance und Erfolg.

      Beispiel für Orga

      Ein Beispiel für Organisationen, die den Wert dieser Säulen erkannt und verstanden haben, sind Profifußballklubs. Unternehmen können eine Menge lernen von Profifußballklubs. Sie sind zum Einen knallhart kalkulierende und hochprofessionelle Wirtschaftsunternehmen. Sie nutzen neueste Technologie, auch KI-Lösungen, zur Analyse und Unterstützung der Scoutingabteilungen, Trainerteams und Spieler. Zum Anderen wird alles dafür getan, dass diese Spieler ihre besten Leistungen für den Klub abrufen können, wenn sie auf dem Platz stehen. Es gibt individuelle psychologische Betreuungsangebote, die beste medizinische Versorgung, ein Top-Ernährungsangebot und auch die bedingungslose Sicherheit, dass der Verein hilft, wenn der Spieler Unterstützung benötigt. Die Vereine wissen, dass sie nur unter diesen Voraussetzungen echte Höchstleistungen erwarten können. Zur Unterstützung all dieser Bemühungen wird noch zusätzlich mit einem unermüdlichen Einsatz daran gearbeitet, aus einer Gruppe von Individualisten eine Einheit zu formen. Es besteht volles Bewusstsein darüber, dass die Bedeutung eines Teams sich nicht im Tragen desselben Trikots erschöpft.


      Frage

      Was benötigt der Mensch von uns als Unternehmen, damit er sich zu 100% auf die Arbeit bei uns konzentrieren kann? Welche Bedürfnisse hat er? Und welche Befürchtungen, Probleme und Ängste stehen diesem Ziel im Weg?

      Es geht in erster Linie um Wahrnehmung und das Bewusstsein, für die menschlichen Bedürfnisse der Arbeitnehmer:innen am Arbeitsplatz angemessene Räume zu schaffen. Dann ist es möglich gegenseitiges Vertrauen aufzubauen, das oft vorausgesetzt, aber häufig weder gefördert noch gepflegt wird. Vertrauen zu schaffen, bietet ein großes Potenzial für die Unternehmen, die den Mut haben, dieses für und mit den Beschäftigten zu entwickeln. Besonders da KI-Lösungen uns einen erheblichen Teil unserer Arbeitsleistungen Stück für Stück streitig machen, was zu großer Unsicherheit und auch Angst seitens der Beschäftigten führt.

    • Selbstreflexionsaufgabe

      Nehmen Sie sich etwas Zeit, um über die folgenden Fragen nachzudenken. Notieren Sie sich Ihre Antworten gerne auf ein Blatt Papier.


      1. Welche Faktoren müssen in Ihrem Leben zusammenkommen, damit Sie im Unternehmen Höchstleistungen vollbringen können?  
      2. Wann und in welchem Rahmen gab es innerhalb des Unternehmens die Möglichkeit über folgende Themen zu sprechen? 
        • Bedürfnisse
        • Ängste
        • Befürchtungen
        • Probleme
        • Hoffnungen
        • Möglichkeiten
      3. Welche Stärken und universellen Fähigkeiten bzw. menschlichen Fähigkeiten haben Sie, die nicht an konkrete Arbeitsprozesse, ihren Jobtitel oder ihre Position gebunden sind? Denken Sie hier speziell an die Dinge, die Sie im Laufe Ihres gesamten beruflichen Weges an jede Station begleiten. Ihre Softskills und überfachlichen Kompetenzen. Ihre Methoden, sich in verschiedene Themenbereiche schnell und qualitativ hochwertig einarbeiten zu können. Versuchen Sie diese Dinge so genau wie möglich für sich selbst zu definieren.  
      4. Welche Teile ihres Aufgabenbereiches sind standardisierbar und repetitiv?


      Anmerkung: Expertenwissen wird durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) mehr und mehr zum Allgemeingut eines Unternehmens und löst sich somit von der individuellen Person. Untersuchen Sie in diesem Zusammenhang, welche Teile ihres Aufgabenbereiches standardisierbar und repetitiv sind.